Muss das eigentlich sein?
Warum werden eigentlich Bäume gefällt? Vor allem, warum werden auch gesunde Bäume gefällt? Ist das noch nachhaltig? Sollte man nicht lieber alles wachsen lassen, so wie im Urwald? Wäre das für die Natur nicht
besser? Was leistet der Wald eigentlich für uns als Gesellschaft? Muss ein Wald denn überhaupt „gepflegt“ werden? Försterin Silvia beantwortet all diese Fragen.
Solche und ähnliche Fragen gehen der einen oder dem anderen durch den Kopf, wenn beim Waldspaziergang die Schuhe mal wieder dreckig werden, weil kurz zuvor ein Harvester oder eine Rückemaschine den Weg entlang gefahren ist oder wir an unserem, wegen Holzerntearbeiten abgesperrten Lieblingsweg einen Umweg in Kauf nehmen müssen.
Abends sitze ich dann am knisternden Kaminfeuer und freue mich über die gemütliche Wärme.
Die Kinder bauen die Legomännchen auf dem Parkettfußboden auf – auf dem Teppich fallen sie immer um, sagen sie.
Die Jahrhunderte alten Fachwerkbalken knarzen hin und wieder. Einige von ihnen waren zuvor schon in einem anderen Gebäude verbaut. Ihre Langlebigkeit fasziniert mich jeden Tag aufs Neue und oft frage ich mich, was dieses Holz wohl für Geschichten erzählen könnte.
Alles aus Holz
Über Geschmack bei der Inneneinrichtung lässt sich sicherlich streiten, aber Holz kommt unbestritten in unser aller Leben vor und viele entscheiden sich ganz bewusst für Holzprodukte.
Beim Hausbau, bei der Auswahl der Möbel oder in der Gartengestaltung. Sogar Fahrräder, Armbanduhren und Brillengestelle werde aus Holz angeboten. Textilfasern und Zellstoffprodukte sind kaum aus unserem Alltag wegzudenken. Die ersten frühlingshaften Tage lassen den Appetit auf Gegrilltes wachsen, also landet beim nächsten Baumarktbesuch auch wieder ein Sack Grillkohle (aus Holz!) im Einkaufswagen. Das Holz für diese Produkte muss irgendwo herkommen.
Und ehrlich gesagt, ich bin froh, wenn es aus unserem heimischen Wald kommt! Denn wenn das Holz nicht hier produziert wird, wird es aus anderen Ländern importiert und dort wird oftmals rücksichtsloser Raubbau am Wald betrieben, quadratkilometergroße, planlose Kahlschläge lassen leere Mondlandschaften und unwiederbringlich zerstörte Ökosysteme zurück.
Kümmert sich dort jemand um die Wiederaufforstung?
In wenigen Ländern der Welt existiert eine so durchdachte, planvolle, nachhaltige, gesetzlich abgesicherte Waldbewirtschaftung, wie in Deutschland.
Der Blick auf die globale Situation der Wälder relativiert die Diskussion um die wirtschaftliche Nutzung unserer heimischen Wälder erheblich.
Womit ich wieder bei der Frage ankomme, warum fällen wir eigentlich Bäume?
In den letzten vier Jahren hat es unser Wald wirklich schwer gehabt.
Sturm, Borkenkäfer und Wassermangel haben vielerorts die gewohnten Landschaftsbilder vollständig verändert.
Was ist zu tun?
Wenn man die echten Profis fragt, sind klimastabilen Mischwälder die Lösung.
Klingt ja auch nachvollziehbar. Viele Baumarten mit unterschiedlichen Ansprüchen auf ein und derselben Fläche.
Artenreichtum, Struktur – ein buntes Mosaik, das sich gegenseitig stabilisiert.
Kann das nicht der Wald auch ganz alleine schaffen, ohne unser Zutun?
Nein, das kann er oft nicht! Was braucht denn ein Wald eigentlich, um stabil zu sein?
Stabile Bäume sind die Antwort. Aber was macht einen Baum stabil?
Genau, Platz. Platz, um eine große Krone wachsen zu lassen, Platz um die Wurzeln auszustrecken, damit der Baum genügend Wasser aus dem Boden ziehen kann und damit er sich fest verankern kann.
Ich vergleiche die Situation gern mit meinem Gemüsegarten. Ich bin keine gute Gärtnerin und nachdem ich im Frühjahr euphorisch alle möglichen Samen in Hülle und Fülle ausgestreut habe, ist das arme Gemüse meist sich selber überlassen.
Es muss sich Wasser, Nährstoffe, Platz und Licht mit einer Vielzahl Artgenossen und noch mehr Unkraut teilen. Besonders die Möhren nehmen mir das regelmäßig übel.
Viel zu dicht gedrängt, weil ich es mal wieder versäumt habe, sie rechtzeitig zu verziehen, fristen sie ihr Dasein, bis die meisten von ihnen vertrocknet auf dem Kompost landen oder allenfalls bei den Kaninchen unter deren kritisch-mitleidsvollen Blicken ihre finale Verwertung finden.
Gut geht anders. Dem Wald geht es ähnlich. Ganz gleich, ob wir eine Freifläche mit jungen Bäumen künstlich bepflanzen oder ob der Wald selber für Nachwuchs sorgt:
Am Anfang eines Baumlebens wird die Fläche von Tausenden junger Bäumen bevölkert.
Das ist auch gut so, denn nur in dieser Konkurrenzsituation entwickeln sich einzelne Individuen zu besonders vitalen, stabilen Exemplaren, die wir ja für unseren zukunftsfähigen Wald benötigen.
Mit der Zeit – und damit sind Jahrzehnte gemeint und nicht nur drei Monate wie in meinem Gemüsegarten – wird erkennbar, welche Bäume das Rennen machen. Manche weniger konkurrenzstarken Nachbarn sterben von selber ab oder werden bei Durchforstungen entnommen. Hierbei schauen sich die Försterinnen und Förster ganz genau an, welche Bäume stark genug sind, um richtig alt zu werden.
Langfristig denken
Dabei ist auch zu beachten, dass verschiedene Baumarten vollkommen unterschiedlich schnell wachsen, unterschiedlich viel Licht und Raum benötigen.
Diese Zukunftsbäume werden dauerhaft markiert, damit bei jeder neuen Pflegemaßnahme Rücksicht auf sie genommen werden kann. Für jeden dieser markierten Bäume wird nun alle paar Jahre geprüft, ob er noch genug Platz hat zum Wachsen. Ist das nicht der Fall, wird ein benachbarter Baum gefällt.
Dieses Vorgehen nennen wir Forstleute Waldpflege.
Auch wenn das Wort daran erinnern mag, es hat nichts zu tun mit Krankheit oder Gebrechlichkeit.
Die Waldpflege ist das planvolle, nachhaltige Entwickeln einer Waldfläche hin zu der Erfüllung ihrer gesetzlich vorgegebenen und gesicherten Funktionen: der Nutz-, Schutz- und Erholungsfunktion.
Sicherlich waren wir in den letzten Jahren in einer Ausnahmesituation und sind es auch noch.
Auf großen Fläche sind Nadelholzwälder abgestorben, die nun wieder mit Mischwald bepflanzt werden.
Auch die Buchen haben unter Trockenheit gelitten, haben sogar „Sonnenbrand“ bekommen. Sie werden brüchig und müssen an Wegen und Straßen gefällt werden, damit sie keinen Schaden anrichten.
Diese Arbeiten hinterlassen zunächst Spuren, die uns besonders auffallen, je besser wir uns in unserem Lieblingswandergebiet auskennen.
Der Wald ist nun mal eine sehr langfristige Angelegenheit.
Aber das ist das Faszinierende daran, finde ich. Manchmal hilft es, sich die Entwicklung der Waldflächen im Zeitraffer vorzustellen oder ein Foto von einem Stück Wald mit jungen Bäumen aufzunehmen.
Wenige Jahre später sieht schon wieder alles ganz anders aus.
Mein Möhrenbeet jedenfalls grabe ich schnell wieder um, dann sieht es ganz ordentlich aus und ist bereit für die nächste Einsaat.
Herzliche Grüße, Eure Försterin Silvia
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